Menschen in der Rheingasse

«Der Kiosk ist mein Lebenselixier»

Das Kleinbasel, von den einen verschmäht, von anderen heiss geliebt, bietet viel Abwechslung und Lebensqualität in einem multikulturellen Umfeld. Dies bezeugen die Bekenntnisse zweier überzeugter Kleinbaslerinnen und eines Kleinbaslers.

Den einen gefällt‘s, andere meiden es lieber: Das Kleinbasel. Sicher ist, dass «mindere» Basel hat vieles zu bieten. Vor allem eine grosse Vielfalt an Einkaufsangeboten und Restaurants: Der Reiz urbanen, multikulturellen Lebens ist dabei überall spürbar. Die Quartiere verfügen zwar über weniger Grünflächen als andere Quartiere. Dafür gibt’s die Langen Erlen und den Rhein von seiner sonnigen Seite.

Tino Krattiger, Architekt und Kapitän des Kulturflosses, wohnt seit vielen Jahren im Kleinbasel. „Als kleiner Bub lebte ich bereits mehrere Jahre an der Utengasse. Dort wohnten damals viele Italiener und Spanier, mit deren Kinder man nicht spielen durfte.“

Der Kulturpolitker liebt das multikulturelle Leben im Kleinbasel: „Du kannst dich beim Manor zwei Stunden auf eine Bank setzen. Da zieht die ganze Welt an dir vorbei, auch viele unglaublich schönen Frauen. Hier hat man das Gefühl einer Grossstadt. Es ist sehr lebendig. Für mich gebe es ausser dem Tessin, wo ich auch noch lebe, keinen anderen Ort.“

Was Krattiger nicht gefällt sind Grossbasler, die an die Südlage des Rheins ziehen und dann einwenden, dass sie das Leben, das hier stattfindet, nicht so mögen.

Die Rheingasse sei ein enormes Potpourri unterschiedlicher Sozialklassen, betont Krattiger. Dies sei auch die grosse Qualität der Rheingasse. „Es soll hier keine Super-Schickmicki-Beizenstrasse geben. Sie und die angrenzenden Strässchen sollen das bleiben, was sie sind.“

Dorfleben
Apropos Rheingasse: Trudi Hartmann leitet seit bald fünfzig Jahren zusammen mit ihrer Schwester Erika den Kiosk beim Hotel Krafft. Bereits im Rentenalter, möchte sie die Kontakte, die sie dank dieser Arbeit pflegen kann, nicht missen: „Der Kiosk ist mein Lebenselixier.“ Und das wird er wohl noch eine ganze Weile bleiben: „Ich glaube fast, dass man mich hier mit den Beinen voraus heraustragen muss.“

Trudi Hartmann ist grösstenteils im Kleinbasel, in der Ochsengasse, aufgewachsen. Sie lebte auch einige Zeit in der Webergasse. Dann zog es sie nach Riehen, „in ein günstiges kleines Häuschen mit Umschwung“. Der Grund hierfür war ihr Neffe, der vier Jahre lang bei ihr und ihrem mittlerweile verstorbenen Partner lebte. „Hier konnte er spielen.“ Das liegt schon viele Jahre zurück.

Trudi Hartmann wohnt auch heute noch in Riehen. „Ich wäre aber nicht hier, wenn ich nicht jeden Tag in die Rheingasse gehen könnte. Hier ist es wie in einem Dorf. Und es wohnen tolle Leute hier.“

Neben ihrer Arbeit am Kiosk leitet sie eine Reinigungs- und Parkettfirma Arnosti Arkuba AG und beschäftigt 15 Leute. „Ich habe also noch etwas Arbeit.“

Weniger Probleme
Ständerätin Anita Fetz schätzt „die Mischung aus städtischem und dörflichem Leben“. Ausserdem gibt es Örtlichkeiten im Kleinbasel, die ihr überaus gefallen: Nebst dem Rhein sind das der Hafen, die Langen Erlen, aber auch die Kaserne oder urbane Kleinoasen wie den Platanenhof. Sie mag die vielen, kleinen Läden mit internationalen Spezialitäten, die es im Kleinbasel noch gibt.

«Das Kleinbasel hat ein viel schlechteres Image, als es in Wirklichkeit ist. Die existierenden Probleme gibt es auch in jeder anderen Stadt. Es gibt hier auf kleinstem öffentlichen Raum viele Aktivitäten, was einen gewissen Lärm produziert. Dass Menschen verschiedenster Nationen hier wohnen, schafft Kommunikationsprobleme. Das Rotlichtmilieu produziert Freierverkehr.»

Das gebe es aber in jeder anderen Stadt Europas auch. In den vergangenen zehn Jahren habe sich im Kleinbasel einiges verbessert, ist Anita Fetz überzeugt. Sie führt diese Entwicklung nicht zuletzt darauf zurück, dass vom Kanton, aber auch durch Private wieder vermehrt ins Kleinbasel investiert werde.


 

«Thommens Senf» wird in der Rheingasse produziert

Seit Jahrzehnten ist die Buchhandlung Arcados auch Treffpunkt, Anlaufstelle und Informationsdrehscheibe für Schwule.

Der Laden an der Rheingasse ist kaum zwanzig Quadratmeter gross. Hier verkauft Peter Thommen Bücher und Magazine für Menschen, die sich mit Homosexualität auseinandersetzen oder diese leben. Der erste Laden des heutige 65jährigen befand sich in der Rebgasse 35. Seit über zehn Jahren hütet der Schwulenaktivist seine Schätze an der Rheingasse 67.

Peter Thommen, in den siebziger Jahren Mitbegründer der Homosexuellen Arbeitsgruppe Basel (HABS), verfügt über ein immenses Schwulenarchiv: Belletristik und Sachbücher der vergangenen Jahrzehnte sowie Informationen über die Schwulenbewegung und die Schwulenszene in Basel, das auch für die Forschung zur Verfügung steht.

Kampfzone Homosexualität
Peter Thommen ist ausgebildeter Buchhändler, aber auch gelernter Sozialarbeiter. Vor allem aber ist der „Schwulenpapst“ – diese Etikette wurde ihm anlässlich einer Diskussion verpasst – ein unermüdlicher Schaffer im Dienste Wissensvermittlung bis zum neuesten Stand.

Der Verkauf bebilderter Männerblätter, von Fachliteratur über Homosexualität, von homoerotischen Geschichten in der Literatur oder von Spielfilmen auf DVD, in denen Männerlieben eine Rolle spielen – das war der eine Arbeitsbereich.

Der andere ist mindestens ebenso eng verknüpft mit Thommens Vita. Sie ist von seinem Kampf für die Aufnahme der Homosexualität in die gesellschaftliche Normalität geprägt – worin sie ja auch stattfindet.

„Bereits im Gilgamesch-Epos vor 5000 Jahren wird über Männerliebschaften berichtet“, betont Thommen, womit er ausdrückt, dass Homosexualität zwar ein alter Zopf, aber gesellschaftlich noch immer nicht wirklich akzeptiert ist.
Sein Coming out hatte Thommen bereits während der Ausbildung, was ihm beruflich schadete: „In den siebziger Jahren wollte niemand einen offen schwulen Sozialarbeiter anstellen.“

Thommen empfindet es als Makel, dass sich Beratungsstellen etwa im Bereich Jugend, Familie und Prävention der Erfahrung Schwuler nicht bedienen, um diesen Bereich abzudecken. „Es geht dabei nicht nur darum, Schwule zu betreuen, sondern Heterosexuelle die mit Homosexualität konfrontiert werden.“ So könnten antischwule Ressentiments systematischer eingedämmt werden.

Gefragt wäre also Aufklärung in einem Bereich, der noch immer von vielen Vorurteilen und gesellschaftlich-religiösen Abwertungen besetzt ist.

Virtuelle Liebe
In den letzten zehn Jahren ist das „amouröse Geschäft“ ins Internet abgewandert. Aber bis zum 40jährigen Jubiläum 2017 wird der Buchladen sicher noch bestehen, einfach in kleinerer Form: „Er ist mein Hobby geworden.“ Wer immer etwas wissen will, kann sich melden.

ARCADOS, Rheingasse 67
Di – Fr, 14 – 18 h
Tel. 061 681 31 32
info@arcados.avoid@spam.comch
www.arcados.ch


Agenda

Öffnungszeiten

Adväntsgass:
Montag - Sonntag 18.00 – 21.30 Uhr

Altstadtführung Kleinbasel